Texte zum Stöbern aus "Schreib dein Buch"

Die Kunst des Haiku 

Das klassische japanische Gedicht mit Namen Haiku umfasst drei Zeilen mit der Silbenzahl 5-7-5: Eine hohe Kunst, die es erlaubt, eine Stimmung oder einen Sachverhalt mit ganz wenigen Worten einzufangen.  Im Laufe der Zeit, wurde die strenge Anordnung von 5-7-5 aufgehoben und andere Formen entwickelten sich. Die literarische Kurzform im Haiku-Stil kann sich ganz besonders schön in jahreszeitlichen Bildern zur Geltung bringen – den Beweis erbringen zwei Haikus, die in der „Schreibstube“ des Frauenseminars Bodensee entstanden sind:

Im rot gepunkteten Mantel 
Dunkler Tannenwald
Der Fliegenpilz
 

Am Himmelsrand ist das Wolkenband
Verbindet Welt und All
Überall   

Leise blüht die Rose
Zart umhüllt vom eigenen Duft

Maientag!
  

Der Herbstwind spielt mit dem Laub
Letzte Freudensprünge
Vor dem Winter

Ayla

Farbenprächtige Blätter
schau sie fallen
werden zu Wurmfutter  

Wasser Licht und Luft
im Glas
springt ein Fisch
vertrocknet
Wer macht den Strom? 

Käthy Gut

Lautlos gehen sie
auf und ab
Im Sommerwind
Ziellos, heimatlos
  

Mülltonnen übervoll
Warten.
Hunde bellen.
Badende Kinder.
 

Ein Tisch. Ein Stuhl. Ein Bett.
Mit Zwischenräumen.

Die Welt

Ist doch eine Scheibe.
  

Suchen im milden Herbstlicht
Kastanien
Ein Eichhörnchen huscht vorbei
 

Ein Mann
Der Schatten lang
Das Lied verstummt.

Ein Röschen nebenan.
 

Am Strand
Ein Fischerboot
Nordwind türmt die Wellen hoch
Eine Möve schreit   

Kahler Fels
Strebt himmelwärts
Nebel steigt
Wildgänse fliegen
zurück     

Lea

Und wenn meine Flügel
Stark genug sind
Flieg ich dir davon
Komm nach!
  

Ein Schuss
Hallt durch den kalten kahlen Wald

Irgendwo
Stirbt ein Reh
Jetzt
  

Abendsonne im Gesicht
Dôle entkorkt

Geduld schmeckt rund

Da! Du kommst!
    

Leises Knacken nur
Unterm Gummistiefel
Kind lächelt
Schnecke stirbt
    

Zauberwürfel

Neblige Sonne,
Tauperlen auf jedem Blatt.
Die Natur erwacht.       

Löwenzahn und Gänseblümchen strahlen.
Grautier.

Mit langen Ohren.
  

Blanca Baumgartner

Die Sonne steht tief,
lange Schatten, das Meer rauscht.
Ich komme zur Ruh.  

Grüne Knospen unter Eis,
außen kühl, innen heiß …
Bald ist er da!
    

Die Sonne steht tief,
lange Schatten, das Meer rauscht.
Ich komme zur Ruh.   

Ich schaue unter das Bett,
Angst kämmt meine Haare.
Wo ist die Maus?  

Grüne Knospen unter Eis,
außen kühl, innen heiß …
Bald ist er da!
 

Katrin Köhler

 

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